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Alles Tesla, oder was? Was die E-Autofabrik für unseren Ort bedeutet

Kann der US-Milliardär Elon Musk seinen Zeitplan einhalten, rollen in unserer Nachbarschaft in wenigen Monaten die ersten Elektroautos vom Band. Bis zu 500.000 Fahrzeuge pro Jahr will Tesla zukünftig in Grünheide herstellen. Bis zu 40.000 Menschen könnten einmal in der Fabrik arbeiten. Wer in den vergangenen Monaten an der Baustelle vorbeigefahren ist, bekam einen Eindruck von den gigantischen Dimensionen des Projekts, das unsere Region Ende 2019 überraschend ereilt hat. Seitdem wird diskutiert, ob die „Gigafactory“ uns Fluch oder Segen bringt. Zweifelsohne werden alle Gemeinden im Umkreis die Tesla-Ansiedlung zu spüren bekommen. Doch die Herausforderungen, die damit verbunden sein werden, sind nicht neu. Die E-Autofabrik wird Probleme zuspitzen, die schon zuvor bestanden haben. Das gilt auch in Schöneiche.

Bringen uns E-Autos die Verkehrswende?

Tesla verspricht, unsere Mobilität in die Zukunft führen zu wollen. Und tatsächlich werden E-Autos eine Rolle dabei spielen, die Klimaziele im Verkehr zu erreichen. Doch die vielbeschworene Verkehrswende braucht mehr, als jeden Pkw mit einem Verbrennungsmotor durch ein E-Auto zu ersetzen. Um die Klimakrise zu bewältigen und dabei mehr Lebensqualität zu gewinnen, müssen wir Verkehr vermeiden, verlagern und verbessern. Lebensmittel, Spielzeug oder Kleidung sollten nicht kreuz und quer um den Erdball verschifft oder geflogen, sondern regional produziert und vermarktet werden. So lässt sich Verkehr vermeiden. Reisen innerhalb Europas müssen in Zukunft nicht mit dem Auto oder gar dem Flugzeug, sondern in einem exzellent ausgebauten Eisenbahnnetz angetreten werden. Der Weg zur Arbeit oder zum Einkauf kann mit der Straßenbahn oder dem Lastenrad gefahren werden. So lässt sich Verkehr verlagern. Und wo das Auto wirklich unentbehrlich ist, fährt es mit E-Antrieb und wird meist über ein Carsharing-System mit Anderen geteilt. E-Automobilität ist also wichtig, aber nur ein Baustein neben anderen. Zumal schon der Preis für einen Tesla kaum Mobilität für jedes Einkommen garantiert.

Schiene oder Straße? Das ist hier die Frage.

In unserer Region wird Tesla obendrein mehr Verkehr verursachen. Neben den Beschäftigten rollen täglich unzählige Tonnen Material in die Fabrik hinein und fertige E-Autos hinaus. Ob das Unternehmen mit sinnvollen Verkehrslösungen auch regional einen Beitrag zur Verkehrswende leistet, ist völlig offen. Gelingt es, dass ein Großteil der Beschäftigten mit Bahn und Bus anreist? Mit dem Zug sollen Tesla-Angestellte aus Berlin und Frankfurt (Oder) bzw. Polen bis Erkner und weiter direkt auf das Werksgelände fahren. Das wäre beachtlich. Ein moderner Güterbahnhof auf dem Werksgelände hingegen ist zwar in Planung – zu sehen ist davon allerdings noch nichts. Doch nur, wenn das Versprechen eingehalten wird, den Güterverkehr möglichst vollständig und den Personenverkehr möglichst umfangreich auf der Schiene abzuwickeln, wird sich die Verkehrsbelastung für die Region in Grenzen halten. Zumal der Ausbau der Straßen (und Radwege) rund um das Werksgelände mit dem „Tesla-Tempo“ ebenfalls nicht mithält. Wie der Güterbahnhof werden sie erst in einigen Jahren fertig sein. Wie sich der Transport von Menschen und Material zur und von der Fabrik ab dem Sommer tatsächlich auswirken wird, ist deshalb kaum abschätzbar. Läuft alles glimpflich, wird Schöneiche von zusätzlichem Verkehr wohl verschont bleiben. Kommt es allerdings zum Verkehrsinfarkt mit Chaos auf der Autobahn und verstopften Zufahrtsstraßen, wird sich der Ausweichverkehr auch in unserer Gemeinde bemerkbar machen. Die Bemühungen, die Verkehrswende im Ort voran zu treiben (z.B. mit dem 10 Minutentakt der Straßenbahn, dem kostenfreien Verleih von Lastenrädern und einem Carsharing-Angebot) würden dann durch zusätzlichen Durchgangsverkehr konterkariert.

Wohnen wird (noch) teurer.

Eines steht immerhin fest: Die Tesla-Ansiedlung wird den Zuzugsdruck nach Schöneiche verstärken. Das Wohnen wird damit (noch) teurer, weil Grundstücks- und Mietpreise weiter steigen. Längst finden selbst Familien mit mittleren Budgets hier nur noch schwer eine Bleibe – von Menschen am unteren Ende der Einkommensskala ganz zu schweigen. Soll Schöneiche ein Wohn- und Lebensort aller sozialen Schichten bleiben, muss die Gemeinde endlich entschlossen das Wohnungsproblem angehen. Bisher fehlt es auf diesem Feld an Problembewusstsein, Kreativität und dem Mut, klare Prioritäten zu setzen.

Ob die neuen Nachbarinnen und Nachbarn dann mit dem Auto zur Arbeit fahren, wird wiederum davon abhängen, wie überzeugend die Alternativen sind. Eine attraktive Bus- oder (langfristig) Straßenbahnverbindung nach Erkner und bequeme wie sichere Radwege könnten den Pkw dafür verzichtbar machen.

Die Lösungen für die Verkehrswende liegen auf dem Tisch. Wirtschaft und Politik müssen sie „nur“ umsetzen.

Fritz R. Viertel ist Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) in Brandenburg und Gemeindevertreter (DIE LINKE) in Schöneiche bei Berlin. Dieser Text erschien auf Einladung der Redaktion in der "Schöneiche konkret".


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