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2014

Nachrichten aus 2014


Rede von Stephan Wende vor der ehemaligen Fürstenwalder Synagoge anlässlich des 76. Jahrestages der Reichspogromnacht

"Manchmal benötigt es nicht viele Worte. Vor allem dann nicht, wenn man versucht die schrecklichen Ereignisse des 9. Novembers 1938 in Worte zu fassen. Vor 76 Jahren wurden im Rahmen der sogenannten Novemberpogrome etwa 400 Menschen vor allem jüdischer Abstammung ermordet oder in den Tod getrieben. Tausende Synagogen, Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. Auch die jüdische Synagoge hier in unserer Heimatstadt wurde geschändet.

Wir gedenken heute der Opfern der Reichspogromnacht. Die Erinnerung an das Ereignis des 9. November 1938, das die Nationalsozialisten selbst zynisch verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt haben, ist immer noch höchst aktuell. Das Kontinuum der Geschichte reicht in die Gegenwart und beeinflusst im guten wie im verhängnisvoll schlechten Sinn die Zukunft.

Wer der Pflicht der Erinnerung nicht nachkommt, macht sich schnell des Vergessens schuldig.

Denn: Wenn wir vergessen, dass auch jüdische Kinder, Frauen und Männer, alte und junge, aus unserer Stadt Opfer der Mordmaschine der NS-Diktatur geworden sind, vollenden wir erst das Werk der Planer und Vollstrecker der Shoa.

Wir wissen um die Verbrecher und wir wissen um ihre Verbrechen. Was wir nicht wissen, ist was alles durch ihr Fehlen verloren gegangen ist. Die Verbrecher sind in dieser Hinsicht erfolgreich gewesen.

Und so lange es in unserer Heimatstadt keine aktive jüdische Gemeinschaft, kein alltägliches jüdisches Leben, keine jüdischen Glaubens-, Gebets- und Kulturräume gibt, solange bleiben die Faschisten erfolgreich. Leider.

Ein Gedanke, der mir heute wenn wir unsere Willkommenskultur hinterfragen und qualifizieren wollen, auch wichtig erscheint.

Die Menschen - egal ob sie Jude, Moslem, Hindu oder Christ sind; egal ob aus Syrien, Armenien, Afghanistan oder dem Sudan kommend - ihnen, denen wir heute Herzlich Willkommen sagen, brauchen Orte für ihren Glauben, für ihre Kultur. Schaffen wir sie und öffnen wir sie als Orte der Begegnung des Lernens über Religions- und Kulturkreise hinaus. Das macht Fürstenwalde besonders und einzigartig.

Wir sind es den Opfern schuldig,

· dass wir sie immer wieder beim Namen nennen,

· ihre Schicksale in Erinnerung behalten, die eben keine namenlosen Schicksale sind,

· und ihre Existenz, ihr Leiden und ihren Tod als Teil unserer Stadtgeschichte verstehen.

Das ist die erste Pflicht, der wir nachkommen müssen. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, sich der Geschichte zu stellen:

Ich zitiere dazu aus der international beachteten Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, gehalten am 8. Mai 1985. Seine eindringliche Mahnung lautet: „Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nachträglich nicht ändern oder gar ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

Liebe Fürstenwalderinnen und Fürstenwalder, liebe Freundinnen und Freunde, wie sind diese Worte Richard Weizsäckers zu verstehen? Die Deutung ist klar: Wir unterziehen uns der unbequemen Erinnerungsarbeit auch deshalb, um nicht abermals in eine Sackgasse zu kommen, in der noch einmal ein weiß Gott nicht für alle Zeiten gebannter Zivilisationsbruch geschehen kann. Das sind wir nicht nur uns und unseren Kindern schuldig. Damit ehren wir am besten die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die in der NS-Zeit von dieser Stadtgesellschaft, von unserer Kultur, von unserer christlich-abendländischen Tradition nicht in ihren elementarsten Menschenrechten geschützt worden sind.

Indem wir uns ihrer erinnern, geben wir ihnen in unserem kollektiven Stadtgedächtnis ihre Würde zurück. Das ist das mindeste, was wir posthum für sie tun können.

(es gilt das gesprochene Wort)


Kontakt zum Stadtverband

Vorsitzender: Stephan Wende

 

Bürgerbüro "Rote Bank"

Bei Problemen, Fragen, Anregungen und/oder Kritik können Sie sich an uns wenden. 

DIE LINKE. Kreisverband Oder-Spree
Mühlenstraße 15
15517 Fürstenwalde
Tel. (03361) 598 46 57

fuerstenwalde@dielinke-oder-spree.de

 

Öffnungszeiten des Bürgerbüros:
Nach Vereinbarung

Termine


Rede von Stephan Wende vor der ehemaligen Fürstenwalder Synagoge anlässlich des 76. Jahrestages der Reichspogromnacht

"Manchmal benötigt es nicht viele Worte. Vor allem dann nicht, wenn man versucht die schrecklichen Ereignisse des 9. Novembers 1938 in Worte zu fassen. Vor 76 Jahren wurden im Rahmen der sogenannten Novemberpogrome etwa 400 Menschen vor allem jüdischer Abstammung ermordet oder in den Tod getrieben. Tausende Synagogen, Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. Auch die jüdische Synagoge hier in unserer Heimatstadt wurde geschändet.

Wir gedenken heute der Opfern der Reichspogromnacht. Die Erinnerung an das Ereignis des 9. November 1938, das die Nationalsozialisten selbst zynisch verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt haben, ist immer noch höchst aktuell. Das Kontinuum der Geschichte reicht in die Gegenwart und beeinflusst im guten wie im verhängnisvoll schlechten Sinn die Zukunft.

Wer der Pflicht der Erinnerung nicht nachkommt, macht sich schnell des Vergessens schuldig.

Denn: Wenn wir vergessen, dass auch jüdische Kinder, Frauen und Männer, alte und junge, aus unserer Stadt Opfer der Mordmaschine der NS-Diktatur geworden sind, vollenden wir erst das Werk der Planer und Vollstrecker der Shoa.

Wir wissen um die Verbrecher und wir wissen um ihre Verbrechen. Was wir nicht wissen, ist was alles durch ihr Fehlen verloren gegangen ist. Die Verbrecher sind in dieser Hinsicht erfolgreich gewesen.

Und so lange es in unserer Heimatstadt keine aktive jüdische Gemeinschaft, kein alltägliches jüdisches Leben, keine jüdischen Glaubens-, Gebets- und Kulturräume gibt, solange bleiben die Faschisten erfolgreich. Leider.

Ein Gedanke, der mir heute wenn wir unsere Willkommenskultur hinterfragen und qualifizieren wollen, auch wichtig erscheint.

Die Menschen - egal ob sie Jude, Moslem, Hindu oder Christ sind; egal ob aus Syrien, Armenien, Afghanistan oder dem Sudan kommend - ihnen, denen wir heute Herzlich Willkommen sagen, brauchen Orte für ihren Glauben, für ihre Kultur. Schaffen wir sie und öffnen wir sie als Orte der Begegnung des Lernens über Religions- und Kulturkreise hinaus. Das macht Fürstenwalde besonders und einzigartig.

Wir sind es den Opfern schuldig,

· dass wir sie immer wieder beim Namen nennen,

· ihre Schicksale in Erinnerung behalten, die eben keine namenlosen Schicksale sind,

· und ihre Existenz, ihr Leiden und ihren Tod als Teil unserer Stadtgeschichte verstehen.

Das ist die erste Pflicht, der wir nachkommen müssen. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, sich der Geschichte zu stellen:

Ich zitiere dazu aus der international beachteten Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, gehalten am 8. Mai 1985. Seine eindringliche Mahnung lautet: „Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nachträglich nicht ändern oder gar ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

Liebe Fürstenwalderinnen und Fürstenwalder, liebe Freundinnen und Freunde, wie sind diese Worte Richard Weizsäckers zu verstehen? Die Deutung ist klar: Wir unterziehen uns der unbequemen Erinnerungsarbeit auch deshalb, um nicht abermals in eine Sackgasse zu kommen, in der noch einmal ein weiß Gott nicht für alle Zeiten gebannter Zivilisationsbruch geschehen kann. Das sind wir nicht nur uns und unseren Kindern schuldig. Damit ehren wir am besten die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die in der NS-Zeit von dieser Stadtgesellschaft, von unserer Kultur, von unserer christlich-abendländischen Tradition nicht in ihren elementarsten Menschenrechten geschützt worden sind.

Indem wir uns ihrer erinnern, geben wir ihnen in unserem kollektiven Stadtgedächtnis ihre Würde zurück. Das ist das mindeste, was wir posthum für sie tun können.

(es gilt das gesprochene Wort)