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Schwere Entscheidung: Mehr Geld für die Tafel?

Das Abschiedsfoto der Legislatur war schon im Kasten – da stellte sich heraus, dass die Stadtverordneten einen Entschluss schuldig bleiben würden. Auch nach zwei Sitzungen im Sozialausschuss und der Debatte darum in der letzten Zusammenkunft des Stadtparlaments gibt es auf den Antrag der Gesellschaft für Arbeit und Soziales e. V. keine Antwort: Wird die Stadt Beeskow dem Verein die Zuwendung für die Beeskower Tafel und die Soziale Kleiderkammer wie beantragt aufstocken oder nicht? Vorerst wurden die Anträge der Fraktionen der LINKEN und der SPD zuzustimmen abgeschmettert. Mit dem Argument vor allem, es sei nicht klar, wofür die zusätzlichen Gelder – 2500 Euro für die Tafel und 1500 Euro für die Kleiderkammer -  überhaupt nötig sind.

Das ist fürwahr ein Rippenstoß, um einmal grundsätzlicher darüber nachzudenken, welche Rolle „mildtätige“ Einrichtungen in unserer Gesellschaft spielen. Einige Genossen erinnern sich gewiss noch daran, welche Aufregung es auf der Gesamtmitgliederversammlung im November 2012 im Beeskower Spreepark gab, als unser leider inzwischen verstorbener Genosse Lutz Bohn schlankweg die Abschaffung der Tafeln forderte. Wie das, sie werden doch gebraucht! Und wir LINKE als Anwälte der Schwachen unterstützen sie doch deshalb besonders intensiv!  

Leider gab es damals keine Debatte zu diesem Problem. Nötig ist sie aber doch. Denn inzwischen hat die Freude, dass sich das System der Tafeln so rasant vermehrt und verzweigt,  vielfach fundierter Kritik weichen müssen. Selbst die Gründerin der ersten Tafeln 1993 in Berlin,  Sabine Werth, schauderte es vor der Vorstellung, dass die 1000. Gründung gefeiert würde – was, wie wir wissen, inzwischen passiert ist. Sie offenbarte das in einem Interview mit dem Soziologieprofessor  Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen, als der jahrelang in ganz Deutschland unterwegs war, die Tafel-„Kunden“, die Helfer, die Träger über Sinn und Unsinn  dieser Einrichtungen zu befragen. Er, der selbst ein Jahr lang in einer Tafel mithalf, dessen Mutter immer noch unter deren freiwilligem Personal ist, gehört inzwischen  zu den bekanntesten Kritikern solcher  „Armutsökonomie“...

„Schamland“ heißt sein jüngstes, bei Econ erschienenes Buch, Unterzeile: „Die Armut mitten unter uns“. Sein Urteil über die Tafeln, gefiltert aus hunderten Gesprächen, ist messerscharf: „In der Tafelarbeit spiegeln sich Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft wider: Konkurrenzdruck und Stress, Fokusierung auf Leistungsfähigkeit und die Fixierung auf einen Warenfetisch, auf den alle Ängste projeziert werden. Tafeln sind ein verkleinertes Modell der Gesellschaft und  zugleich Erzeugnisse und Zeugnisse der Transformation des Sozialen.“

Es ist der gewöhnliche Kapitalismus, so weist der Tafel-Kritiker nach, der sich hier im Umgang dieser Gesellschaft mit der Armut zeigt: Die Zur-Schau-Stellung und Demütigung der Menschen, die sich voller Scham überwinden, Almosen anzunehmen, bringt nämlich den edlen Spendern noch einiges ein: Die Tafel schaffen unentgeltlich fort, was sonst von den Supermärkten teuer entsorgt werden müsste - die überalterten Lebensmittel vor allem.  Deren Image aber wächst.  Mit den Unternehmen lässt sich die Politik feiern! Auf eine Kleine Anfrage der LINKEN-Fraktion im Bundestag verkündete sie das stolz: „Die deutschen Tafeln sind ein herausragendes Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement....Aus der Sicht der Bundesregierung ist es auch positiv zu bewerten, wenn sich Personen mit geringem Einkommen kostenbewusst verhalten und deshalb ergänzende Möglichkeiten nutzen, um sich möglichst günstig  mit Produkten des täglichen Bedarfs zu versorgen.“  Schirmherrin der Tafeln deutschlandweit ist die Sozialministerin.

Wann sollen unter solchen Bedingungen die Tafeln sich eines Tages überflüssig machen, wie es sich eigentlich alle wünschen? Denn man schämt sich: Wie kann solch ein reiches Land wie Deutschland eigentlich soviel Bedürftige, ja, Hungernde haben! Solange der Staat seine Vorsorgepflicht an private Organisationen, an ein Heer von Freiwilligen mit den besten Absichten abschieben kann, wird in unserem Land nicht genug und immer weniger  gegen das Aufwachsen sozialer Ungerechtigkeit getan.

Die Frage nach der Notwendigkeit kommunaler Mittel für die Beeskower Tafel dürfte nicht so schwer zu beantworten sein. Wenn es notwendig ist, wie ausgewiesen mehr als 14000 Mal im Jahr etwas Mildtätiges über den Tresen in der Radinkendorfer Straße zu reichen, so muss über den Grad von Bedürftigkeit in unserem schmucken Städtchen und seiner Umgebung wohl nicht groß debattiert werden. Die schwindende Kauflust in der dritten Dekade jedes Monats ist ja auch in den Geschäften und auf dem Markt nicht zu übersehen.  Die Beeskower Tafel ist deshalb hochwillkommen.

Aber wie soll der Verein seine Einnahmen planen? Wie viel kommt von den Spendern und Sponsoren ein, wie viel bringt der symbolische Euro, den die Nutzer selbst der Tafel geben können? Von der Schwierigkeit, das zu beziffern, kann doch die Entscheidung nicht abhängen. Zumal es der GefAS und ihren Helfern und Unterstützern vor allem um die 250 Kinder geht, die neben dem nötigen Essen auch ein bisschen Freude und Teilhabe an Kultur und Sport brauchen. Für sie vor allem sind die zusätzlichen Mittel gedacht, mit deren Bewilligung sich die Stadtverordneten nun doch noch einmal beschäftigen wollen.

Auf jeden Fall kann die Tafel wie jedes Jahr auf die LINKE bauen. So können die  fleißigen Frauen und Männer, die sie mit vielen Ideen und  freiwilliger Arbeit am Leben halten,  darauf rechnen, dass wieder mindestens die Hälfte vom Erlös unseres 1. Mai-Kuchenbasars  dafür gespendet wird!

Unsere Solidarität hindert uns ja nicht daran, darüber nachzudenken, wie die Armut prinzipiell zu bekämpfen ist. Leider zeigt uns das Buch von Prof. Selke neben der großartigen Analyse nicht den Weg aus der jetzigen Situation.  Doch spricht er von einer Begegnung mit Attac –Leuten.  Die setzen auf das bedingungslose Grundeinkommen, „das Tafeln grundsätzlich überflüssig machen würde“. Nun, darüber müsste man doch, vielleicht mit der LINKE-Vorsitzenden Katja Kipping, einer glühenden Verfechterin der Grundeinkommen-Idee, weiter diskutieren!

Anni Geisler


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