Am Obelisk in der Ortsmitte stehen wir mit Blumen, um derer zu gedenken, die am Fuße des Denkmals beigesetzt sind, junge sowjetische Soldaten, die vom Alter her meine Enkel, Männer, die meine Kinder sein könnten. Ihre russischen Mütter, die mit ihren gefallenen Söhnen auch die ungeborenen Enkel verloren haben, sind mir in diesem Moment des Gedenkens sehr nahe und es berührt, dass der Bürgermeister Dr. Rainer Vogel in seiner kurzen Ansprache auch der Mütter gedachte. Seine Mahnung, dass sich das Geschehene nicht wiederholen darf, dass Konflikte nur mit friedlichen Mitteln gelöst werden müssen, ist ein Anliegen, dass sicherlich die Mehrheit der Woltersdorfer bejahen wird.
Denen, die am Obelisk begraben liegen, hat man keine Chance gelassen, friedliche Mittel zur Konfliktlösung zu nutzen. Das faschistische Deutschland überfiel am 22. Juni 1941 trotz eines vereinbarten Nichtangriffspaktes die Sowjetunion.
Fast drei Jahre lang standen die Russen in ihrem Land dem unmenschlich wütenden Aggressor gegenüber. Sie erlebten schmerzhaft ihr eigenes Zurückweichen, sahen die Verbrechen gegen ihre Zivilbevölkerung, litten mit den eingeschlossenen und zum Verhungern gezwungenen Leningradern und erfochten einen ersten großen Sieg bei Stalingrad.
Als am 06.Juni 1944 die westlichen Alliierten USA, Frankreich und Großbritannien die zweite Front eröffneten, hatte die Sowjetunion schon einen hohen Blutzoll bezahlen müssen.
Nüchterne Zahlen vermitteln uns Relationen. Am Ende des 2. Weltkrieges beklagen die Menschen
220.000 gefallene amerikanische Soldaten,
250.000 gefallene französische Soldaten und 270.000 getötete französische Zivilisten,
370.000 gefallene britische Soldaten und 60.000 getötete britische Zivilisten und
13.600.000 gefallene sowjetische Soldaten und 6.000.000 getötete sowjetische Zivilisten.
Nichts berechtigt uns, das Leid britischer, amerikanischer, russischer oder französischer Mütter gegeneinander aufrechnen zu wollen. Doch genauso wenig gibt es die Berechtigung, den Anteil der Völker der ehemaligen SU am Sieg über den Faschismus verschweigen zu wollen, ihn dem Vergessen anheim fallen zu lassen, weil der mainstream das vorgibt, weil die von Thomas Mann benannte "Grundtorheit der Epoche" wieder fröhliche Urständ feiert.
Unvergessen sind die italienischen Partisanen, die Kameraden der französischen Résistance, die französischen Piloten, die mit russischen in der Staffel Normandie - Njemen gemeinsam gegen den Faschismus kämpften, unvergessen auch die Antifaschisten der Länder Europas, die selbst in Konzentrationslagern widerstanden. Ihre militärischen Operationen, ihre Einsätze, ihre Solidarität, ihr Überlebenswille - all das waren Siege über die Faschisten, waren Beiträge zur Befreiung ihrer Länder, Städte, ihrer Mitmenschen.
Die absolute Zerschlagung des faschistischen Staates, seiner Armee, war die Aufgabe der alliierten Truppen. Ihr Sieg war die Voraussetzung für die Beendigung des Krieges. Das Ende des Krieges war eine Befreiung von jahrelanger Angst wegen politischer Organisiertheit, ob in Gewerkschaften, in SPD, in KPD, in religiösen Gemeinschaften oder wegen missliebiger Äußerungen ins KZ zu kommen, wegen Zugehörigkeit zu einer "Rasse" deportiert und ermordet zu werden, wegen menschlichen Verhaltens Verfolgten gegenüber, selbst verfolgt zu werden, wegen Kriegsmüdigkeit zum Defätisten erklärt und von den eigenen"Volksgenossen" aufgeknüpft zu werden, wegen Widerstands dem Fallbeil überantwortet zu werden.
Das Ende des Krieges war eine Befreiung von einer Denkweise, die Menschen in "Herrenrasse" und "Untermenschen" gliederte, vom Diktat, welche Literatur man nicht lesen darf und die demzufolge verbrannt werden muss,, von der Anmaßung zu entscheiden, welcher Künstler "entartet" sei.von der menschenverachtenden Politik, die mit anderen Mitteln, eben denen des Krieges, durchgesetzt wurde.
Eine Befreiung, für alle die, die einen neuen Gesellschaftsentwurf realisieren wollten. Anders kann es nicht gewertet werden.