3. November 2010 Anny Przyklenk

Erinnern

Erinnern

 

Die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 ging unter der Bezeichnung »Kristallnacht« in die Geschichte ein, besetzte die Köpfe.

»Kristallnacht« - welche Assoziation.

In unserer Vorstellung eine klare Nacht, klar wie ein Bergkristall, funkelnd , sich in Facetten spiegelndes Licht und leise klingende Töne.

Die Realität dieser Nacht ist mit dem Begriff nicht zu fassen.

Die 230 Synagogen, die in dieser Nacht in Deutschland und in Österreich in Brand gesetzt wurden, verglimmten nicht leise. Das Brüllen der rasenden Feuer, das Bersten der Dachstühle und Mauern waren ein akustisches Inferno. Dahinein mischten sich die Schreie der 25000 Juden, die zusammengetrieben und in Konzentrationslager gebracht wurden. Und darin sind auch die stummen Schreie der 91 ermordeten jüdischen Menschen in dieser Nacht.

Schreie, Todesröcheln, implodierende Synagogen und brechendes Glas summieren sich zu einem Geräusch, das nicht nur Schlafende weckte. Das Gehörte und das Gesehene musste Unwissende wissend und weitsichtig machen. Das war keine »Kristallnacht«, das war ein Progrom, barbarisch, gewollt, zielgerichtet organisiert und realisiert.

Wer von den jüdischen Bürgern hören und sehen konnte, ging weg aus seiner Heimat. Auch Woltersdorfer. Wer von den deutschen Bürgern hören und sehen konnte und wollte, bewahrte ein Stück Humanität, widerstand, half, trotz sozialer, konfessioneller oder weltanschaulicher Unterschiede. Auch Woltersdorfer.

Wir wissen, dass der Progrom der Anfang einer Apokalypse war, die auch Bürger jüdischer Konfession in Woltersdorf erreichte.

Ihr Tod in einem der Vernichtungslager ist ein Tod von sechs Millionen Toden.

Ihr Tod ist eingegangen in die Anonymität einer für uns unfassbaren Zahl von vernichteten Menschen und geht damit ein in das Vergessen des einzelnen Schicksals, wenn wir uns nicht an sie erinnern, an die, die einmal hier lebten, liebten, träumten, arbeiteten und jüdische Menschen waren.

Es gibt keinen Ort in Woltersdorf, der die Erinnerung an diese Menschen wach hält.

 

Ich hoffe, dass die Gemeindevertreter aller Fraktionen den Gedanken an einen würdigen Ort für die Erinnerung unterstützen, dass sie nach Möglichkeiten suchen, wie diese Menschen in das öffentliche Erinnern sichtbar einbezogen werden können. Nichts ist schlimmer und folgenreicher, als zu vergessen, vergessen zu wollen oder vergessen zu machen.

 

Der 9. November dieses Jahres könnte Anlass sein, über diese zukünftige Aufgabe nicht nur nachzudenken, sondern sie auch in absehbarer Zeit zu erfüllen.

 

Anny Przyklenk