29. Oktober 2010

Multikulti ist cool! - Sarrazin, Seehofer & Co öffnen Rechtspopulismus Tür und Tor...

Erst sorgt das neue "Deutschland-schafft-sich-ab"-Märchen des ehemaligen Berliner SPD-Finanzsenators und Bundesbankvorstandes Thilo Sarrazin mehr für Zustimmung als Furore. Jetzt verkündet CSU-Chef Horst Seehofer auf dem Nationalfeiertag der radikal-konservativen Jungen Union "Multikulti ist tot!". 











Bildquelle: fechenbach.de

Während überall in Europa rechtspopulistische Parteien mit radikaler Islamophobie erfolgreich auf Stimmenfang gehen und wie in den Niederlanden, Dänemark oder Schweden sogar zu Königsmachern rechtskonservativer Regierungen werden, sinken die Hemmungen zur praktizierten Ausländerfeindlichkeit in Deutschland mit rasender Geschwindigkeit.

Wurde Thilo Sarrazin im September noch, wenn auch halbherzig, gescholten für seine Thesen vom Juden-Gen und den ständig neue Kopftuchmädchen produzierenden Migrantenfamilien, so erntet Horst Seehofer im Oktober anhaltenden Beifall vom CDU-Nachwuchs für seine Forderungen nach Einwanderungsstop und dem verkündeten Tod des multikulturellen Gesellschaftsmodell.

Dabei gefallen sich die Seehofers und Sarrazins nicht nur in ihrer vermeintlichen Rolle des deutschen Geert Wilders, sie machen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit hoffähig und öffnen dem Rechtspopulismus damit Tür und Tor. Gemäß der aktuellen Studiue der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zeigen inzwischen immerhin fast 25 Prozent der Deutschen ausländerfeindliche Tendenzen. Auch die Islamophobie als Erfolgsmodell der europäischen Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten grassiert längst in der Bundesrepublik. Mehr als 58 Prozent der Bevölkerung unterstützen laut FES die Forderung, die Religionsausübung von Musliminnen und Muslimen ehrbelich einzuschränken. In Ostdeutschland sind es sogar mehr als 75 Prozent.

Die vielen parolengespickten Diskussionsbeiträge in der aktuellen Auseinandersetzung über Einwanderung und Integration schüren bewusst die Angst vor der "Überfremdung" der Gesellschaft und dem vermeintlich damit verbundenen Verlust der "christlich-jüdischen Leitkultur". Damit erreichen CDU und CSU jedoch weniger die Schärfung ihres "konservativen Profils" als Normalisierung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sowie die Projizierung alter und neuer Feindbilder in der Gesellschaft.

Derartige Tendenzen erhöhen jedoch weder die Umfragwerte der Bundesregierung, noch fördern sie ein fortschrittliches Umdenken in Politik und Gesellschaft, hin zu Weltoffenheit und Toleranz.

Was wir derzeit in Deutschland beobachten können ist der Versuch ein Ventil zu finden für die angestauten Probleme, verurusacht durch einen verfehlten Umgang mit grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen. Die welt wächst zusammen. Dass aber Globalisierung nicht nur Möglichkeiten zur Profitmaximierung eröffnet, sondern auch Prozesse hinsichtlich einer Veränderung in gesellschaftlichen Zusammensetzungen in Gang setzt, kommt für viele scheinbar völlig überraschend.

Und wie so oft in der Geschichte entfaltet die Hilflosigkeit im Umgang mit einer solchen Entwicklung eine unheilverkündende Dynamik, die sich in genannten Zahlen widerspiegelt.

Die Frage, wie sich jemand in eine Gesellschaft integrieren soll, die ihm nichts als Hass und Ablehnung entgegenbringt wird jedoch weder von Herrn Seehofer, noch von Herrn Sarrazin oder Frau Merkel beantwortet.

Nicht zuletzt geht ein wesentlicher Aspekt in der aktuellen Diskussion vollkommen unter: Die Ursache für Integrationsprobleme ist doch nicht der mangelnde Integrationswille der Migratinnen und Migranten. Ursache ist vielmehr die soziale Spaltung unserer Gesellschaft!

Herr Sarrazin macht das in seinen Abhandlungen, vielleicht unbewusst, überaus deutlich. Denn seine Hasstiraden gegenüber Einwadnerinnen und Einwanderern sind nicht heftiger als jene, mit denen er Hartz IV-Empfängerinnen und Empfänger sowie andere sozial Benachteiligte deutscher Abstammung attackiert.

Dass uns unzählige arbeitsame sowie hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten überhaupt zu der Wirtschaftnation gemacht haben, die wir heute sind. Und dass wir sie auch in Zukunft mehr denn je brauchen werden, um unsere demografische Entwicklung zu kompensieren, wird gern vergessen.

Doch Multikulti ist nicht tot. Multikulti ist die Zukunft. Denn Multikulti ist cool!


Fritz R. Viertel (Mitglied des Vorstandes, DIE LINKE. Schöneiche)


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