16. Mai 2011

„Schwester Agnes“ ohne Nostalgie - Marion Heinrich las aus ihrem Buch „Gemeindeschwestern erzählen“

Der kleine Bücherstapel schwindet dahin, Marion Heinrich schreibt schnell noch einige freundliche Worte für die Käufer in das bescheidene Taschenbuch: Es sind die letzten Exemplare ihres literarischen Erstlings, die erste Auflage von 3000 Exemplaren ist verkauft. Jetzt hofft die Autorin, dass ihr Verlag Neues Leben sich bald zu  einer zweiten entschließen kann, denn wie hier in Beeskow hat sie überall auf ihrer Lesereise sehr aufmerksame Zuhörer gefunden.

Dabei ist „Gemeindeschwestern erzählen“ gewiss kein Titel, der Sensationen verspricht. Doch die meisten Menschen im Osten verbinden ihn nicht nur mit dem Bild von Agnes Kraus, die als Schwester Agnes auf ihrer „Schwalbe“ im Fernsehfilm durch die Dörfer braust und für jedes Problem eine Lösung findet. Sie haben ihre eigenen Erfahrungen mit dieser hilfreichen Institution der DDR gemacht. 5585 Gemeindeschwester-Stationen arbeiteten in den Dörfern im Netzwerk von Ambulatorien und Arztpraxen rund um die Uhr, als , wie sie es selbst heute sehen, „Mädchen für alles“, Partnerin der Mediziner ebenso wie Beraterin in allen Lebensfragen der Patienten, selbstbewusst und selbstbestimmt, gut ausgebildet und ständig weiterlernend. Ganz bestimmt keine leichte Arbeit, aber eine tief befriedigende – das ist aus  jeder Erinnerung, jeder witzigen Anekdote, aus jedem Lebenslauf  in Marion Heinrichs Buch herauszuhören.

Seit 1990 fehlen uns die Gemeindeschwester. In der Bundesrepublik gibt es diesen Beruf nicht. Gerade erinnerte die MOZ in ihrer Spalte „Vor 20 Jahren“ daran, wie in Lieberose die Schwesternstation an die Diakonie übergeben wurde. Diese werde die Arbeit weiterführen... Heute ertönt landauf, landab die Klage vom medizinischen Notstand nicht nur in Ostbrandenburg, Ärzte gehen im hohen Alter ohne Nachfolger in den Ruhestand. Kein Wunder, dass man sich der einstigen Helferinnen erinnert. In Brandenburg läuft erfolgreich ein Schwester-Agnes-Projekt. Marion Heinrich traf eine solche „Agnes II“ in Köpernick bei Rheinsberg, die jetzt als „Fachwirtin für ambulante medizinische Betreuung“ über die Dörfer fährt. Teilt sie das Glücksgefühl ihrer zehn Vorgängerinnen, die im Buch als „Gemeindeschwestern erzählen“? 

Sie wird dringend gebraucht und freudig begrüßt. Aber wo das Gesundheitsfürsorge  ein Unternehmen ist, das sich rechnen muss, fehlen wichtige Grundlagen für einen Neuanfang. Umso wichtiger, dass die Erfahrungen von Regina Nowak über das „Das große Gefühl vom Wir“,  von der warmherzigen Tilli Kaiser aus Spreenhagen, von den Schwestern im  kirchlichen Dienst in diesem Buch aufgehoben werden. „Denn vom Konzept der Gemeindeschwester in der DDR könnte die aktuelle Gesundheits- und Pflegepolitik vieles lernen“, schlussfolgert Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Partei Die Linke, in ihrem Vorwort.

Vielleicht hilft ja die Zustimmung zu Marion Heinrichs Buch dabei, die Schwester Agnes-Idee aus dem Modell herauszuholen und  in Brandenburg und anderswo wieder alltägliche Wirklichkeit werden zu lassen. Nötig wäre es – darin waren sich die Zuhörer bei der von Peer Jürgens initiierten Lesung in Beeskow einig.

Anni Geisler